..... Daher ist für einen Mann, ja fast für alle Menschen ein Boot, mehr als jedes andere von ihm benutzte Werkzeug oder Beförderungsmittel, eine verkleinerte Darstellung des Archetypus. Denn es lebt ein geistiges Urbild-Boot, das Boot als platonische Idee, als Gemütszustand, als Gefühl, und da dieses Gefühl so stark ist, dürfen wir annehmen, dass kein anderes Gerät mit so ehrlicher Sorgfalt geschaffen wird wie ein Boot.
Gewiss werden auch schlechte gebaut, aber nur wenige. Denn ein schlechtes Schiff hält den Fluten nicht stand und ist drum nicht wert, dass man es baue. Aber das gleiche könnte man ja auch von einem schlechten Auto auf holpriger Strasse behaupten. Offenbar handelt der Bootsbauer unter einem inneren Zwang, der stärker ist als er selbst. Rippen, Inholz und Spanten sind stark; das ist ihre Wesensart, sie ist vom Begriff der Bootsrippe nicht zu trennen. Und so sind Planken auserlesen und festgefügt, sonst sind's keine Planken, und der Kiel fehlerfrei sonst ist er kein Kiel. Der Mensch baut das Beste, was in ihm ist, in das Schiff und dazu unbewusst das Gedächtnis der Ahnen.
Als ich einmal die Boots-Abteilung bei Macy in New York durchwanderte - es gab Regattaboote, Segler und kleine Kreuzer - merkte ich urplötzlich, dass ich bei jedem Schiffsrumpf, an dem ich vorbeikam scharf mit den Knöcheln anklopfte. Ich wunderte mich, warum ich es tat, und hörte im selben Augenblick hinter mir ein Pochen. Ein mir völlig Unbekannter klopfte mit seinen Knöcheln genau im gleichen Rhythmus wie ich in jeden Bootsbauch, an dem er vorüberging. Ich beobachtete eine Stunde lang, und da war kein Mann, kein Junge und wenige Frauen, die nicht das gleiche taten. War es ein unbewusstes Prüfen des Fahrzeuges? Viele Besucher hatten wohl noch nie auf einem Schiff gelebt, einige kleinere Buben vielleicht noch niemals eines gesehen, und doch prüfte jeder jeden Bootsbauch, beklopfte ihn, um zu sehen, ob er gesund sei, und war sich dabei nicht einmal bewusst, dass er es tat. Ich erwog: Vielleicht klopft man unwillkürlich an jeden grösseren hölzernen hallenden Gegenstand, und begab mich zu den Klavieren, den Eisschränken, den Betten, den Zederschränken, aber da klopfte neimand - nur bei den Booten.
Wie tief muss dies dem gebenden und empfangenden Menschen innewohnen. Das Wasserfahrzeug, durch Jahrtausende menschlicher Versuche, Erfahrungen und Bewährungen hindurchgegangen, hat in der Natur kein Gegenstück, es sei denn ein trockenes Blatt, durch Zufall auf eine Wasseroberfläche gefallen.
Vom Boot, das er erschuf, empfing der Mensch einen seelischen Einfluss, eine Gemütsbewegung, die ihn jedesmal packt, wenn er sieht, wie es auf den Wogen reitet oder ruhig und stolz dahingleitet.
aus Logbuch des Lebens von John Steinbeck
(The log from the sea of cortez)